Unser Freiberg

vor 15 Jahren (entstanden 1960)

Die nachfolgenden Zeilen sind die letzte Niederschrift des am 11. April 1960 durch Herzschlag verstorbenen Arbeiterveteranen Karl Günzel, Träger des Vaterländischen Verdienstordens.
Frau Günzel stellte uns freundlicherweise eine mit Schreibmaschine geschriebene Abschrift diese Artikels zur Verfügung.
Es heißt darin:

Am Abend des 20. Mai 1945, es war der erste Pfingstfeiertag, kehrte ich nach mehr als zehnjähriger Freiheitsberaubung aus dem Konzentzrationslager Buchenwald wieder heim zu meiner Familie.

Wie hatte sich das Bild unserer Stadt in diesen zehn Jahren verändert! Häuser waren zerbombt, die Läden leer, in den Schaufenstern nur Atrappen. Nur stundenweise gab es noch Strom und Gas, in den Kellern war kein Brennstoff. Es gab keine Post, keine Zeitungen.

Die Eisenbahn fuhr nicht mehr; es war einfach trostlos. Niemand wußte, wie es weitergehen sollte, ob es Zweck habe, überhaupt noch eine Hand zu rühren.
Kaum eine Woche zu Hause, wurde ich mit noch anderen Bürgern vom Stadtkommandanten zum Rathaus bestellt, es wurde eine neue Stadtverwaltung gebildet. Zunächst war ich Stadtrat, dann setzte mich der Stadtkommandant, Held der Sowjetunion Generaloberstleutnant Kosmjak als Oberbürgermeister ein. (3. August 1945)
Wir waren damals als Stadtverwaltung ein recht gutes Arbeitskollektiv, doch wir standen praktisch alle vor einem Nichts. Die Besatzungsmacht half uns mit aller Kraft, das Leben in der Stadt wieder in normale Bahn zu bringen. Noch erinnere ich mich recht gut der Hiobsbotschaft: Unsere Bäckereinen haben nur noch 3 Tage Brennstoff zum Brotbacken. In dieser verzweifelten Lage halfen unsere Bürger der Bergstadt in aufopferungsvoller und selbstloser Weise.

Der Bauer Horst Bretschneider, damals Pächter des Stadtgutes, fuhr jede Sonnabendnacht zum Sonntag mit seiner Zugmaschine und 3 Hängern in das Bornaer Revier nach Briketts. Die Hänger mußten von ihm selbst beladen werden.

Gemüse schaffte Helmut Beyer vom Turnhallenkeller aus der Magdeburger Pflege heran. Keine Kräfte wurden geschont. Ich denke, wir wissen noch, was uns damals zum Essen zur Verfügung stand. Natürlich gab es noch eine Reihe anderer Bürger unserer Stadt, die tatkräftig mit Hand anlegten. Ich denke dabei an die Unterbringung der Umsiedler, jene unglücklichen Menschen, die alles verloren hatten.

Nicht zu vergessen ist der damalige Bahnhofskommandant. Unter größten Schwierigkeiten stellte er einen Güterzug zusammen, besetzte ihn mit einigen Soldaten und nun konnte das schwarze Gold aus Zwickau und Borna in größeren Mengen geholt werden. Doch hierzu waren erst noch einige Voraussetzungen zu schaffen. Einige Angestellte des damaligen Bergamtes hatten die Lage in Zwickau sondiert. Die Kohlenkumpel in Zwickau hatten unter der amerikanischen Besatzung keine Stummel zu rauchen bekommen.Wir gaben der Begleitmannschaft unseres Zuges eine beträchtliche Menge Zigarren mit.

Die Beschaffung war durchaus nicht einfach, aber die Kumpel in Zwickau bekamen bei jeder Lohnzahlung eine Zigarre mit in die Lohntüte, und unser Kohlenzug wurde bevorzugt beladen.

Tausende Bürger unserer Stadt standen ohne jedes Einkommen da. Sie mußten Unterstützung erhalten, um das Leben notdürftig fristen zu können.
Auch unsere Stadt hat ihren Tribut für die wahnsinnige Nazipolitik zahlen müssen. Opfer an Blut und Gut mußten gebracht werden. Wieviel Tränen sind geflossen? Wer vermag es zu wissen?

Aber eines wissen wir alle: Eine solche Katastrophe darf es nicht wieder geben, wird es nicht wieder geben, wenn wir alle den Frieden bis zum Äußersten verteidigen, wenn wir unseren Siebenjahrplan erfüllen. Dann dürfte der Krieg aus der Geschichte der Menschheit endgültig verbannt sein.

gez. Karl Günzel