Gruppennachmittag

Karl Günzel in der Pestalozzischule zu einem Gruppennachmittag

Unser Klassenleiter berichtet uns:

Im Jahre 1959 hatte ich eine lebendige und aktive Klasse 8. Die Jungen und Mädel waren sehr interessiert am politischen Geschehen. Sie waren aber auch sehr kritisch, deshalb versuchten sie immer, allen Dingen auf den Grund zu gehen und sie selbst zu untersuchen.

Der sehr aktive Gruppenrat teilte mir eines Tages mit, daß am nächsten Gruppennachmittag Herr Karl Günzel uns besuchen wolle. Die Pioniere hatten ihn aufgesucht und eingeladen. Sie wollten einmal von einem Mann, der die Ereignisse vor dem Krieg in Freiberg erlebt und persönlich sich für eine Umgestaltung eingesetzt hatte, hören, wie es wirklich war. Was war in Freiberg los? Wie ging es in den KZs zu?

Karl Günzel erschien pünktlich, wir führten den Gruppennachmittag im Zimmer 8 durch. Die Schüler berichteten ihm, daß sie neue Gardinen für das Zimmer angeschafft hätten und daß sie froh seien, daß das Zimmer neue Schulmöbel erhalten habe.

Karl Günzel war zuerst etwas zurückhaltend, der Schwarm lebhafter Pioniere, der ihn plötzlich umgab, war wohl für ihn ungewohnt. Er sprach dann zu uns. In einfachsten Worten berichtete er, doch immer hörte man durch, das sind wirklich eigene Erlebnisse, der Mann hat uns etwas zu sagen.

Zuerst sprach er über den Beginn des Jahres 1933. Er stellte die Maßnahmen der Freiberger Kommunisten in den Mittelpunkt, in dem Februar 1933 und im Jahre 1934. Ich erinnere mich z.B., daß er erzählte, daß er den Verbindungsmann, der ihm Nachrichten von der Chemnitzer Widerstandsgruppe brachte, nicht kannte, daß niemand genau wußte, wer gehört noch zu uns. Jeder bekam Teilaufträge, keiner war über alles orientiert. Das war notwendig, damit nicht die ganze Gruppe verraten werden konnte, wenn die Nazis an irgendeiner Stelle hinter die Arbeit der Kommunisten gekommen wären.

Er erzählte z.B., daß er als Erwerbsloser viel Zeit gehabt hätte, daß er also spazieren gegangen sei und auf einer Bank vor den Stadtmauerresten an der Schillerstraße gesessen habe. Ein Unbekannter, der neben ihm saß, habe in einer Zeitung gelesen. Dieser sei aber bald weggegangen und habe die Zeitung liegengelassen. Günzel fand dann in der zusammengeschlagenen Zeitung, die neuesten Nachrichten oder Aufgaben, die auf diese Art weitergegeben wurden.

Auf seine Verurteilung, seinen Aufenthalt im KZ Buchenwald usw. ging Karl Günzel zunächst nicht ein. Erst auf Fragen der Kinder erzählte er davon. Er berichtete von Buchenwald, von seiner Einteilung als Handwerker dort, von dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Breitscheid, den er oft gesehen habe. Er berichtete auch von dem amerikanischen Bombenangriff auf Buchenwald. Dieser Angriff wurde ja benutzt, um den Tod oder besser die Ermordung Thälmanns und Breitscheids durch die Nazis bekanntzugeben.

Die sehr aufgeschlossene Klasse bekam nicht genug. Immer wieder fragte sie nach Einzelheiten. Da wurde auch die Frage gestellt – der Junge hatte sicher nicht überlegt, daß sie sehr taktlos war -: “Wie kommt es, daß bei dieser schweren Arbeit,bei diesen geringen Verpflegungssätzen, bei der schlechten Behandlung durch die SS immerhin so viele Häftlinge mit dem Leben davon gekommen sind?”

Karl Günzel machte diese Frage sichtlich zu schaffen, er merkte, daß hier ein Junge fragte, der noch nicht von diesen Schandtaten in Buchenwald überzeugt war. Es war für mich beinahe unerträglich, den Jungen nicht kurz zurechtzuweisen. Aber der hätte wohl dadurch nicht überzeugt werden können. Karl Günzel hatte mehr Geduld. Ausführlich erklärte er, daß er persönlich mit dem Leben davongekommen sei, weil er das Glück hatte, als Handwerker eingesetzt zu sein, weil er deshalb einen höheren Verpflegungssatz, der aber keineswegs genügend gewesen sei, bekommen habe. Beinahe stockend erzählte er dann von einigen schaurigen Erlebnissen mit der SS, die er im Lager hatte und die nur durch die gegenseitige Hilfe der Lagerinsassen überhaupt erträglich waren. Dann brach er kurz ab.

Die Pioniere gingen. Karl Günzel blieb noch ein wenig. Er mußte sich etwas erholen, denn das Sprechen, die Erinnerung an die Vergangenheit und die teilweise noch immer ungläubige Haltung der Menschen, die diese Schandtaten nicht wahrhaben wollten, hatten ihn sehr angestrengt. Er war wohl damals schon sehr krank. Die Pioniere ahnten nicht, wie schwer es ihm gefallen war, zu ihnen zu kommen.

Karl Günzel setzte sich zu mir in eine Schulbank. Er sprach von seinen Erinnerungen, die so entsetzlich seien, daß man sie Kindern kaum erzählen könne. Dann sprach er über die Erziehung der künftigen Generation, er hatte davon ganz feste Vorstellungen.
Dies war das letztemal, das ich Karl Günzel sah.

Verfasser (noch) unbekannt