Bericht

Karl Günzel erzählt schlicht und einfach einige Episoden vom Aufbau im ersten schweren Jahr, da er Oberbürgermeister war.
Kein Wort von seinen eigenen Taten und Leiden‚ er tritt bescheiden zurück hinter andere damals mitverantwortliche Männer. Doch wir erhielten von Frau Günzel auch noch einen handbeschriebenen Bogen, auf dem Erinnerungen an jene Zeit aufgezeichnet sind.
Dort heißt es:
“Eine große Nervenbelastung waren die großen und kleinen Sorgen. Jeder glaubte‚ seine Sache sei die schlimmste. Er wurde oft auf der Straße angesprochen, vor der Haustür mittags und abends abgewartet. Die einen wo1lten nicht aus ihrer Wohnung‚ die anderen keinen Untermieter, anderen mußte Arbeit zugewiesen werden‚ die hatten aber nichts anzuziehen. Sogar um einen Kleingarten war großer Jammer. Welche Aufregungen‚ als verschiedenen Bürgern das Telefon gesperrt werden mußte. Es wurde nämlich nur eine bestimmte Zahl zugelassen. Es wir oft, als ob das Leben davon abhinge.“
Auf diesem Bogen fanden wir noch eine andere Notiz‚ die uns zeigt, wie große Schwierigkeiten damals zu lösen waren. “Am Ostersonnabend 1945 bekam Karl Günzel die Anweisung, daß für die Feiertage jeder Weizenmehl erhielte (1 Kilo). Alle Fahrzeuge‚und Mühlen im Kreis wurden mobil gemacht. Am 1. Osterfeiertag rollten die ersten LKW heran. Der Verkauf begann sofort und dauerte bis Mitternacht.”
Auf diesem Bogen finden wir auch die Mitteilung: “Ja, selbst den ‘guten Nachbarn’ versuchte man anzuzeigen.“ Diese Zeilen hat Günzel später durchgestrichen. Auch das scheint seine durch bittere Erfahrungen geborene Haltung zu bestätigen. Er kannte die Not und den daraus geborenen Egoismus der Menschen. Aber dies war ihm nicht wert, es für die Zukunft aufzuzeichnen.

Quelle: nn